Die Reise ins U

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DIE REISE INS U – FLIEGENDE BILDER VON ADOLF WINKELMANN

EINE FILMINSTALLATION IN DREI STATIONEN

 

 

ERSTE STATION

U-Turm Bilderuhr

 

Als eine Reminiszenz an barocke Kirchtürme mit ihren ingeniösen beweglichen Mechaniken, macht Winkelmann den U-Turm zur Bilderuhr.

Im Zuge der digitalen Revolution haben die bewegten Bilder längst Kino und Fernsehen verlassen, sie fliegen befreit vom Laptop zum Handy und durch unsere Städte. Für den Filmemacher war es deshalb gedanklich nur ein kleiner Schritt zur Inszenierung des alten Kellereihochhauses der Dortmunder Union Brauerei.

Winkelmann bringt die einzigartige Dachkrone des Turms mit Filmbildern zum Leuchten. Der Betrachter schaut wie durch eine Gaze ins Innere des Gebäudes, je nach Wetter, Jahreszeit und Lichteinfall mehr oder weniger durchsichtig, eigentlich in jeder Minute anders. 

Winkelmann behauptet einen Raum hinter den Kolonnaden und erfüllt ihn mit Leben, mit imaginärem Wasser oder mit Bier und lässt, immer zur vollen Stunde, große Tauben darin wohnen. Als ein säkularer Kirchturm soll der U-Turm Lichtzeichen geben, Lebenszeichen, Schattenrisse menschlicher Bewegung in den Himmeln über dem Ruhrgebiet zeichnen.

 

 

ZWEITE STATION

Ruhrpanoramen in der Eingangshalle

 

Auf elf über den Besuchern schwebenden Leinwänden zeigt Winkelmann assoziativ montierte Panoramen, seine Landkarte der Ruhrstadt. Es ist ein Bilderstrom dokumentarischer Sichten, aufgenommen an vielen Standorten des Ruhrgebietes. Die unglaubliche Präzision, das geradezu maschinene Gleiten der Rundblicke ist ein sorgfältig und zielgenau durch hoch spezialisierte Technik hervorgerufener Effekt. 

Ob das Kameraauge unerschütterlich gleichförmig den Fassaden-Profilen aus Stein und Glas, aus Kunststoff und Verputz rund um einen schmalen, unsäglich und rührend alltäglichen Stadtplatz folgt oder Freiheit vorgaukelnd das Panorama einer Abraumhalde absucht um dann doch in das Gefühl der Unauffindbarkeit eben dieser Freiheit zu stoßen: die präzise hergestellte Ästhetik der Bilderkette zwingt unabweisbar das Erlebnis objektivster Realität auf. Schwere materielle Gegenwart ist grell ausgeleuchtet. Dennoch, der Besucher wird von Bilderströmen umarmt, die einander ergänzen, kaleidoskopisch zerfallen und sich im nächsten Moment wieder zu großen, bewegten Panoramen zusammensetzen. Die Faktizität dieser Außenwelten wird zu einer Hyperrealität geboostet, die schwer verdrängbar ist.

 

 

DRITTE STATION

Neun Fenster in der Vertikalen

 

Im Treppenhaus setzt sich die Filminszenierung fort und macht selbst das Rolltreppenfahren zum Erlebnis. Sie lädt dazu ein, die Museumsetagen zu besuchen oder einen Blick in die Werkstätten der Kreativen zu werfen. 

Neun virtuelle Bildfenster öffnen sich in der Innenwand der Vertikalen. Sie sind als enge quadratische Betonlöcher und nach außen oder innen gerichtetem Fenster über drei Etagen gestaltet.

Diese Bildfenster stellen das Bühnenbild für die Menschen des Ruhrgebiets, für ihr Lebensgefühl, ihre Sehnsucht, ihre Sprache. Die Authentizität dieses Teiles der Installation beruht ganz auf den persönlichen Begegnungen mit Menschen, die Winkelmanns Leben und Welt-Bild beeinflusst haben, er ist hier im intimen Sinne involviert, somit rigoros subjektiv beteiligt, ja autobiographisch. 

Als Filmemacher hat er wie kaum ein anderer dem Ruhrgebiet ein neues Gesicht gegeben und ist dabei liebevoll auch dem Überkommenen zugewandt geblieben. Er tut dies, obgleich virtuos mit einzelnen Klischees jonglierend, stets respektvoll. Seine Figuren zeichnet er clownesk und kreativ, alltagstauglich und doch auch dem Zauber des Surrealen zugewandt, schwer und leicht zugleich mit vollkommen unpathetischem Erbarmen.