Die Reise ins U

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DEUTSCHLANDS GRÖSSTER KÜHLSCHRANK WIRD LICHTSPIELTHEATER

Ein Gespräch mit dem selbst ernannten Glöckner des Dortmunder U, Autor und Regisseur Adolf Winkelmann

 

 

 

 

Herr Winkelmann, wenn Sie einem Nicht- Dortmunder erklären sollen, was das U ist – was ist es?

 

Das leuchtende U, weithin sichtbar, ist das Logo auf dem ehemaligen Gär- und Lagerhaus der Union- Brauerei, 1926 erbaut, erstes Hochhaus der Region, Deutschlands größter Kühlschrank.

 

 

Am 28. Mai des Kulturhauptstadtjahrs RUHR.2010 werden Sie mit Ihrem Projekt in den zum „Europäischen Zentrum für Kunst und Kreativität“ umgestalteten Dortmunder U-Turm einziehen. Sie nennen Ihr Kunststück „Die Reise ins U“. Nach Ihren eigenen Worten wollen Sie das einstige Kühlhaus in ein landesweit einzigartiges Lichtspiel-Theater verwandeln. Und es gibt einen persönlichen Bezug, heißt es. Ist das richtig?

 

In meiner Erinnerung ist dieser Kühlturm immer ein Koloss gewesen, einfach riesig. Ich habe als Kind in der Rheinischen Straße 38 gewohnt, sah aus dem Fenster täglich hinüber. Und jeden Tag bin ich zwei- mal auf dem Schulweg mit dem Fahrrad um die Brauerei herumgekurvt. Damals gab es auf dem U-Turm noch kein U. Nur Weihnachten standen da oben vier Weihnachtsbäume, die mit ihren Lichtzeichen so etwas wie Vorfreude ausstrahlten. Erst 1968 wurde dann diese Leuchtreklame draufgeknallt, nicht ein einziges U, sondern – zehn Meter hoch – gleich vier, eins für jede Himmelsrichtung. Von meinem Großvater hörte ich, es habe dort oben früher, vor den Weihnachtsbäumen und vor dem Krieg eine Laterne gegeben, und ich fragte ihn, wer hat sie denn an- und ausgemacht? Er erzählte, dass dort ein Glöckner wohnte, ganz oben im Turm. Er hätte da eine kleine Wohnung gehabt mit kleinen Türen. Vor zwei Jahren, als ich anfing, mich mit dem neuen Turm-Plan zu beschäftigen, ging mir auf, dass ich wohl dieser Glöckner bin, der von heute. (Inzwischen weiß ich, können Sie in Klammern schreiben, dass das römische Glöckner-Kollegium – Collegio di Campanaro, das seit 1642 existiert – mir den Titel eines anerkannten Glöckners nicht zuerkennen wird. Die Bezeichnung ist weltweit geschützt.)Jedenfalls kam ich vor zwei Jahren auf die Idee mit den Bewegt-Lichtzeichen und der Bilder-Uhr.

 

 

Das hört sich immer noch rätselhaft an. Als großes Kind spielen Sie also jetzt mit diesem Klotz. Warum?

 

Das hat mit meiner Lust zu tun, Filme jenseits von Kino und Fernsehen zu machen. Viele Bilder haben ja längst das Kino und das Fernsehen verlassen und flie- gen befreit vom Laptop zum Handy und durch unsere Städte. Da ist es gedanklich nur ein kleiner Schritt zur Inszenierung eines Gebäudes.

 

 

Wie haben Sie die Position der einzelnen Installationen im Gebäude festgelegt?

 

Als ich mich erkundigte, hieß es, es sei alles schon belegt. Unten in der Eingangshalle neben der Kasse und im Treppenhaus sei allerdings noch was frei und oben auf dem zugigen Dach bei den Turmfalken.

 

 

Was soll man sich darunter vorstellen?

 

Schon von weitem wird man erkennen: In der umlaufenden Dachkrone, unter den vier großen, vergoldeten U-Buchstaben wird meine Bilder-Uhr laufen. Ein dichtes Netz von LEDs strahlt die Bilder aus. Wer stehen bleibt oder mit der Bahn Dortmund erreicht, soll das U als unberechenbare, sich ständig wandelnde Sphinx wahrnehmen. Nachts und am Tag.

 

 

Und was werden die Passanten dann sehen?

 

Ich lasse die Dachkrone mit Bier voll laufen oder in den Gefachen der Krone sechs Meter große Tau- ben wohnen. Auf die Frage: Kann mir mal einer sagen, warum ich überhaupt noch hier bin („Die Abfahrer“, 1978), muss es doch eine Antwort geben.

 

 

Unten in der Eingangshalle gibt es eine Installation, die Sie ähnlich schon 2000 auf der EXPO in Hannover machten – im Deutschen Pavillon.

 

Ja, und für Dortmund habe ich sie nun weiter- entwickelt. Auf elf über den Besuchern schwebenden Leinwänden zeige ich assoziativ montierte Panoramen, meine Landkarte der Ruhrstadt. Der Besucher wird von Bilderströmen umarmt, die einander ergänzen, kaleidoskopisch zerfallen und sich im nächsten Moment wieder zu großen, bewegten Panoramen zusammensetzen.

 

 

Es gibt aber auch inszenierte Filmstücke, Short Stories mit Monologen und Dialogen – die Geständnisse zum Beispiel.

 

Ja, mit Dietmar Bär, Peter Lohmeyer, August Zirner, Stephan Kampwirth, Katharina Wackernagel, Benjamin Sadler, Caroline Peters und vielen anderen. Ich habe radikal subjektiv meine 50 Jahre Leben im Ruhrgebiet auf wenige Bilder und noch weniger Figuren verdichtet. Diese Filmfiguren „leben“ in neun virtuellen Fensterlöchern in der Innenwand des U-Gebäudes und geben den auf Rolltreppen vorbeischwebenden Zuschauern meine Sicht in fremde Zimmer preis. Die Figuren sprechen die Vorbeikommenden auch an oder belästigen sie – böse, klug, witzig oder scheu und verzweifelt.

 

 

Wird dann, Herr Winkelmann, nach dem 28. Mai, nach der Eröffnung Ihrer Lichttheater-Installationen, die Reise ins U beendet sein?

 

Nein, sicher nicht. Ich soll unterirdisch auf K 3, das ist etwa bei minus 14 Metern, im Keller des U-Turms eine hübsche kleine Wohnung mit Büroraum bekommen, von wo ich, ein paar Monitore um mich herum, über eine Steuerungs-Einheit den Ablauf der Bilder-Uhr dirigieren kann. Von morgens sieben oder acht Uhr bis nach Mitternacht. Das Mosaik, das ich komponiere, ist ja nicht festgefroren aus Glas oder Stein, es besteht aus Bits und Bytes, ist nicht statisch, sondern lebendig. Ein Mosaik aus Filmstücken, das seine Elemente immer wieder neu sortiert, im Raum und im Lauf der Zeit.

 

 

Und Sie sprechen deshalb nie von einem seriösen musealen Projekt?

 

Ich bin nicht seriös. Und ein Filmmuseum ist es auch nicht. Stellen sie sich eine Ausstellung bewegter Bilder vor, die jeden Tag woanders hängen, mal drei Tage fehlen, ersetzt werden durch andere, dann wieder plötzlich da sind, aber ganz woanders. Für den Besu- cher soll der Turm eine Gestalt sein, die er jedesmal anders sieht, die sich wie ein vermenschlichter Koloss einmal so, einmal so äußert.

 

 

Mehrmals sprachen Sie von den Kellern des Turms. Hat es damit etwas Besonderes auf sich?

 

Im Laufe unserer Recherchen sind wir, der Autor Jost Krüger und ich, auf sehr Interessantes gestoßen. Wir haben uns ausgiebig mit der untergründigen und auch abgründigen Geschichte des Turms, des Biers und der Stadt beschäftigt. Unter anderem mit dem, was sich an diesem magischen Ort alles schon abspielte. Sie wissen, man hat hier 1907 einen Goldschatz gefunden, in neunzig Zentimeter Tiefe an der Ritterstraße. Den größten nördlich der Alpen ausgegrabenen Goldschatz, 444 Goldstücke spätrömischer Herkunft und drei Armreifen. Und wir sind auf die Magic Foils gestoßen, die man 1926 in einem verschüttet gewesenen Tresor fand – in den Kellern unterhalb des Turmfundaments. Fünf runde Metalldosen, in denen aufgewickelte, extrem dünne, mit Gold bedampfte Streifen lagen, insgesamt fast neun Kilometer. Bis vor kurzem wußte niemand, was sie bedeuten oder wozu sie hergestellt waren. Wir haben es herausgefunden und werden in einem Buch mit dem Titel „Die Reise ins U“ darüber berichten. Es wird im kommenden Oktober erscheinen.

 

 

Ist das jetzt der Übergang ins Fiktive oder Virtuelle?

 

Der erstaunte Leser mag zunächst glauben, die Bargeld-Affären, die Henkelmann-Affäre und die Intrigen der aufeinander eifersüchtigen Ruhrstädte sind erfunden. Wir legen Fotos und Details vor. Und berichten auch, was mir im Laufe der Arbeit alles passiert ist. Ich habe in den letzten Jahren viel über meine Heimat gelernt und einen privilegierten Blick in die Abgründe kommunaler Amtstuben werfen können. Manchmal habe ich gedacht, dass ich mitten in einer ganz realen Ruhrgebietskomödie gelandet bin. Die Figuren gibt’s ja alle. Sowas kann man nicht erfinden. Tatsächlich ist mir da der Stoff für einen Heimatfilm in den Schoß gefallen, nach dem ich seit Jahren gesucht habe. Wir werden sofort, wenn das Buch fertig ist, mit den Dreharbeiten beginnen.

 

 

Ein Film über das hintergründige (abgründige?) Dortmund?

 

Größer. Ich spreche von einer Stadt mit 5,5 Millionen Einwohnern, die keinen Namen hat, die man Ruhr-„gebiet“ nennt. Dortmund ist nur ein Teil davon. Das große Ziel der Städte des Ruhrgebiets müsste sein, sich zusammenzuschließen und auf eifersüchtige Kirchturmpolitik zu verzichten. Dortmund hat in diesem Zusammenhang jetzt endlich ein Zeichen gesetzt und im letzten Jahr freiwillig auf einen eigenen Oberbürgermeister verzichtet. Ich nenne das die Zeit der Unübersichtlichkeit, die westfälische Postmoderne. Alles ist zur gleichen Zeit möglich. In der einen Amtstube wird das Europäische Zentrum für Kunst und Kreativität mit einer 600 Quadratmeter großen Medienfassade geplant, in der anderen die Umbauung des Turms mit Krankenkassen, die den Blick auf den Turm optimal verstellen. Das kann man schade finden, aber jeder weiß, die Kreativen, die sich im Stadtviertel um das U herum ansiedeln sollen, kommen erfahrungsgemäß nur, wenn ihre Krankenkassen fußläufig zu erreichen sind.

 

Das Interview führte Marion van Meerkatt, Antwerpen